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BF2 zu Besuch in Weimar

  • Posted on:  %PM, %18 %730 %2017 %18:%Jun
  • Written by  Michael Kremer

Schuld ist persönlich

Berufsfachschüler der DRS Neuwied zu Besuch in Weimar

Wie lässt sich das Böse erklären, dem man in Buchenwald nicht ausweichen kann?! Warum jubelten die Deutschen Hitler zu, gerade auch die jungen Leute? Schüler und Lehrer der Berufsfachschule II aus der David-Roentgen-Schule in Neuwied machten sich Mitte Mai 2017 auf nach Weimar. Auf dem Programm zur Klärung der Fragen standen u.a. Stadtführungen, Expertengespräche, das Goethehaus und natürlich Buchenwald. Besonders eindrücklich ist die neu konzipierte Dauerausstellung dort im Konzentrationslager Buchenwald: Persönliches rührt an. Das ist der Leitgedanke dieser Ausstellung auf zwei Stockwerken. Zwar wurden Zehntausende gequält und ermordet. Aber das ist keine anonyme Masse. Gestorben sind einzelne, Väter, Mütter, Söhne und Töchter. Es könnte einer aus der eigenen Familie gewesen sein, der einfach nur Rückgrat bewiesen oder einer herabgewürdigten Gruppe angehört hatte. Zum Beispiel der Prediger von Buchenwald, Paul Schneider. Das Foto, das seine Ehefrau mit fünf kleinen Kindern zeigt, kam nie an in Buchenwald beim Vater. Wer will kann sich genauer informieren über diesen Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Oder Michael Horvath, ein Roma aus dem Burgenland. Er überlebt. Er sagt: „Manchmal haben sie dich viel geschlagen, manchmal wenig. Aber geschlagen haben sie dich jeden Tag.“

Zu den Fotos gibt es an vielen Orten in der Ausstellung Kopfhörer und Knöpfe. Kurze einprägsame Texte, meist vier Minuten lang, werden angeboten. Wo Opfer sind, da sind auch Täter. Schuld ist persönlich, auch wenn das System Gewalt gefördert hat. Die Frau des ersten Lagerkommandanten Karl Koch ist auf einem Familienfoto mit Hund und Kind zu sehen. Zu lesen ist, dass diese Frau „SS-Posten“ animierte, Häftlinge zu quälen. Es erschreckt zu hören, dass viele dieser Täter nach dem Krieg kaum oder gar nicht bestraft wurden.
Vor dem Besuch der Ausstellung in Buchenwald gibt es einen Film zu sehen. Erschreckend die friedlichen Szenen zu dem lagereigenen Zoo für die SS-Familien. Anschließend führen Historiker und Pädagogen über das Gelände. Die besondere geographische Lage von Buchenwald wird sichtbar. Es ist nicht „irgendwo“. Buchenwald gehört zu Weimar und wurde 1937 in wenigen Wochen aus dem Boden gestampft. Die Nähe zur „Kulturhauptstadt des deutschen Geistes“ zeigt sich nicht nur räumlich. Weimar war ganz früh nationalsozialistisch. Hitler liebte diese Stadt und den Balkon vor dem Hotel Elefant.
Nach dem Krieg, so kann man es am Ende der Ausstellung lesen, beschweren sich führende Repräsentanten bei der amerikanischen Militärregierung (1. Mai 1945): Der Ruf der Kulturstadt werde nicht geachtet, die Umstände des nationalsozialistischen Systems nicht genügend in Rechnung gestellt. Verantwortlich für Buchenwald seien andere, jedenfalls nicht die Bewohner Weimars.
Allerdings verfolgen die Lehrkräfte und hier insbesondere die Hauptorganisatoren Helmut Bäumner und Dr. Wolfgang Petkewitz ein anderes Ziel: Nicht weggucken und leugnen, sondern hinschauen und wachwerden. Lernen aus der Erinnerung.
So stellen sie bewusst das klassische Weimar neben den Abgrund des Schreckens in Buchenwald. Das Böse ist nicht nirgendwo. Es wuchs aus der Mitte der Gesellschaft. Und heute?!
Bei der Vorbereitung auf die Klassenfahrt im Religionsunterricht antworteten einige Schüler auf die Frage, warum sich in den SS-Aufsehern in den Konzentrationslagern das Böse so hemmungslos Bahn brach: Was ist denn „böse“? Sieht das nicht jeder anders, was böse ist? Von Schuld könne man hier nicht sprechen.
Die Schüler sehen nun beim Rundgang durch Buchenwald die Gesichter leidender Menschen. Es ist zu hoffen, dass in Zukunft kühle und eher distanzierte Antworten wie die zitierten ausbleiben. Schuld ist persönlich.
Was ist positiv formuliert das Ziel einer Fahrt mit 17- und 18- jährigen Schülern nach Weimar? Das Ziel besteht wohl darin, den Artikel 1 des Grundgesetzes als eine Art modernen Glaubensbekenntnisses zu begreifen. Die Würde kommt bedingungslos jedem Menschen zu, einfach weil er zur Spezies Mensch gehört. Und zweitens: Schuld ist persönlich. Jeder ist gerufen, Verantwortung für das Gute zu übernehmen.
Erfolgreich ist eine Klassenfahrt nach Weimar, wenn die Schüler hinschauen. Erschöpft kehren die Schüler zurück. Sie haben hingeschaut.

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